WALIZKA
Wir saßen in der Abenddämmerung im Strandkorb, nahe der Grenze, in jenem polnisch-deutsch gemischten Ostseegebiet, in dem unser Anfang und unser Ende lagen und aus dem wir uns nie befreien konnten. Ich spähte nach Dänemark und Schweden, sie nach Gott – beides vergeblich, obwohl wir in die richtige Richtung schauten, so weit wie möglich fort von hier.
Was Giannori und Ghandtschi hier vollbracht haben, ist im Grunde Konzeptkunst der feinsten Art: eine einfache, aber zündende Idee, die als Katalysator für eine Kaskade von Assoziationen dient, die immer weitere Kreise um den gedanklichen Kern ziehen. Konzeptkunst heißt auch, dass die Ausführung selbst nicht durch den Künstler erfolgen muss. Nein, diese Aufgabe haben Giannori und Ghandtschi einem Kreis von polnischen Autoren und Künstlern zugedacht.
Das Frappierende an diesem Projekt für mich war, wie weich und formbar das Bildmaterial ist, dem man doch gerade dokumentarische Härte und Beweiskraft zuschreibt.
We were sitting in a beach chair at dusk, near the border, in that Polish-German mixed Baltic Sea area where our beginning and our end lay and from which we could never free ourselves. I was looking towards Denmark and Sweden, she towards God - both in vain, although we were looking in the right direction, as far away from here as possible.
Marek Bieńczyk
What Giannori and Ghandtschi have accomplished here is basically conceptual art of the finest kind: a simple but brilliant idea that serves as a catalyst for a cascade of associations that draw ever wider circles around the intellectual core. Conceptual art also means that the execution itself does not have to be done by the artist. No, Giannori and Ghandtschi have assigned this task to a circle of Polish authors and artists.
The striking aspect of this project for me was how soft and formable the visual material is, which is nevertheless ascribed documentary hardness and probative force.
Olaf Kühl
Durch Zufall fanden wir in Berlin in einem Schuttcontainer einen alten Koffer, bis zum Rand gefüllt mit Fotografien, auf denen über beinah hundert Jahre hinweg, Augenblicke aus dem Leben einer deutschen Familie festgehalten sind. Da wir beim Betrachten der Bilder zu erkennen meinten, dass die Familie aus einem Gebiet östlich der Oder stammte, stellten sich uns wie von selbst Fragen zu Erinnerung und Geschichte, die Deutsche und Polen teilen.
Es entstand die Idee, in Warschau einen vergleichbaren privaten Fotonachlass zu erwerben – was misslang: Fotografien wurden uns trotz tagelanger Suche nirgends angeboten; bestenfalls zeigte man uns schöne Alben, die aber waren leer. Auf unsere Fragen nach den Gründen für das Fehlen alter Aufnahmen, erhielten wir immer wieder zur Antwort, dass die Stadt im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt worden war und deshalb auch die Fotografien nicht überlebt hatten.
Zurück in Berlin machten wir uns auf, um über das Schicksal der deutschen Familie etwas in Erfahrung zu bringen. Doch unsere Suche fand bald ein Ende: Der einstige Besitzer des Koffers und seine Ehefrau waren in namenlosen Gräbern bestattet worden, bei ihren Beerdigungen waren weder Angehörige noch Freunde zugegen – offenbar gibt es niemanden mehr, der uns etwas über sie erzählen könnte.
Doch diese beiden Leerstellen – nicht mehr vorhandene Fotos, nicht mehr vorhandene Erinnerungen – brachten uns auf die Idee, unseren Fund aus Deutschland nach Polen zu bringen und polnische Autoren zu bitten, sich dieses verwaisten Koffers anzunehmen. Würden sie an die deutschen Fotos polnische Erinnerungen knüpfen? Sollte es möglich sein, die Familienbilder als die eigenen anzusehen, sie gar zu adoptieren?
Aus dem Koffer suchten wir hundert Aufnahmen aus, verwandelten sie zu einem handlichen Kartensatz – und waren reisefertig, um polnische Autoren zu finden, die einer beliebigen Anzahl von Bildern eine neue Geschichte geben würden.
Wir wussten nicht, was die Fotografien als Kombinationsmaschine für Erzählungen in Gang bringen würden; wir wussten nicht, welche Geschichten das Lesen aus den Karten zu Tage fördern würde. Wir waren zuversichtlich – und wurden von den „Spezialisten der Erinnerung“, wie Enzensberger die Polen nennt, reich beschenkt.
By chance, we found an old suitcase in a garbage container in Berlin, filled to the brim with photographs that captured moments from the life of a German family over almost a hundred years. Looking at the pictures, we thought we recognized that the family came from an area east of the Oder River, so questions about memory and history, which Germans and Poles share, arose of their own accord.
The idea arose to acquire a comparable private photographic estate in Warsaw - which failed: despite days of searching, photographs were not offered to us anywhere; at best, we were shown beautiful albums, but they were empty. In response to our questions about the reasons for the lack of old photographs, we were constantly told that the city had been reduced to rubble during the Second World War and that the photographs had therefore not survived.
Back in Berlin, we set out to find out something about the fate of the German family. But our search soon came to an end: the former owner of the suitcase and his wife had been buried in nameless graves, neither relatives nor friends were present at their funerals - apparently there is no one left to tell us anything about them.
But these two voids - no longer existing photos, no longer existing memories - gave us the idea to bring our find from Germany to Poland and to ask Polish authors to take care of this orphaned suitcase. Would they attach Polish memories to the German photos? Should it be possible to consider the family pictures as their own, even to adopt them?
From the suitcase we selected a hundred photographs, turned them into a handy set of cards - and were ready to travel to find Polish authors who would give a new story to any number of pictures.
We didn't know what the photographs would set in motion as a narrative combination machine; we didn't know what stories reading from the cards would unearth. We were confident - and were richly gifted by the "specialists of memory," as Enzensberger calls the Poles.
Die Ausstellung Der Koffer – Walizka wurde im September 2016 im Haus der Berliner Festspiele und im Oktober 2016 im Biuro Wystaw in Warschau präsentiert. Für ihre Beiträge danken wir Agata Araskiewicz, Marek Bieńczyk, Jacek Dehnel, Katarzyna Fetlińska, Łukasz Gorczyca, Michał Głowiński, Ireneusz Grzyb, Piotr Siemion, Magdalena Środa, Stanisław Strasburger, Tomasz Szerszeń, Agnieszka Taborska und Agata Tuszyńska und für finanzielle Förderung und großzüge Unterstützung dem Kulturbüro der Stadt Warschau, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei, Georg Blochmann und dem Goethe Institut in Warschau, der Bundeszentrale für politische Bildung, Katarzyna Wielga-Skolimowska und dem Polnischen Institut Berlin, Sarmen Beglarian und dem Biuro Wystaw – Polish Modern Art Foundation in Warschau, Uli Schreiber und der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V., Gabriele Knapstein und dem Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Pierre Becker und dem Design Studio Ta-Trung, Florian Richter und dem Studio Printbox, Jean-Claude Kuner, Ede Müller, Lisa Palmes, Andreas Schmidt, Thomas Sparr und Konrad Szpindler.
The exhibition Der Koffer - Walizka was presented in September 2016 at the Haus der Berliner Festspiele and in October 2016 at Biuro Wystaw in Warsaw. For their contributions we thank Agata Araskiewicz, Marek Bieńczyk, Jacek Dehnel, Katarzyna Fetlińska, Łukasz Gorczyca, Michał Głowiński, Ireneusz Grzyb, Piotr Siemion, Magdalena Środa, Stanisław Strasburger, Tomasz Szerszeń, Agnieszka Taborska and Agata Tuszyńska, and for financial support and generous assistance to the Cultural Office of the City of Warsaw, the Governing Mayor of Berlin - Senate Chancellery, Georg Blochmann and the Goethe Institute in Warsaw, the Federal Agency for Civic Education, Katarzyna Wielga-Skolimowska and the Polish Institute Berlin, Sarmen Beglarian and the Biuro Wystaw - Polish Modern Art Foundation in Warsaw, Uli Schreiber and the Peter Weiss Foundation for Art and Politics e. V., Gabriele Knapstein and the Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin, Pierre Becker and the Design Studio Ta-Trung, Florian Richter and the Studio Printbox, Jean-Claude Kuner, Ede Müller, Lisa Palmes, Andreas Schmidt, Thomas Sparr and Konrad Szpindler.